Ein Multimedia-Projekt, eine Band von Vertriebenen, Jazz aus dem Magreb, Okzitan-Lieder mit Schlagkraft, psychedelischer Pop oder Disco – alles zu hören am Babel Music XP 2026.
Zugegeben: Ich habe heute einige Auftritte wegen Schreibarbeit, Interviews und vielen Gesprächen verpasst. Für Schwerinteressierte empfehle ich die Playlist 26-11: Dort gibt es Tonbeispiele und Links zu allen hier in Marseille auftretenden Interpretinnen und Bands.
Kommen wir zum dritten Konzertabend:
Gregory Dargent
Gregory Dargent ist Oudspieler, Gitarrist, Electronik-Tüftler und Fotograf. Die Geschichte, die er hier erzählt, ist weniger ein Konzert, mehr eine komplexe Multimedia Performance. Die Storyline in Kürze: Ein junger Oudspieler, gerade mal 20 Jahre jung, macht sich auf, die Wurzeln seiner Familie zu finden. Die Reise führt ihn von Algerien über Ägypten in den Libanon und bis in den Irak. Er erfährt viel über die kulturelle Vielfalt seiner Familie, und kommt sich selber auf die Schliche, resp. warum er überhaupt angefangen hat, die Oud zu spielen.
Auf der Bühne sitzt Dargent alleine mit seinem Instrument, einem Mischpult, xig Effektgeräten und einigen Rechnern. Hinter ihm die Leinwand. Dort spielt sich der eigentliche Mix ab, denn der Multimedia-Musiker behandelt auch seine Bilder und Video-Loops kreativ, überlagert sie mit Effekten, lässt Bild und Farbcollagen kollidieren, überlagert gleichzeitig mehrere Bildebenen. Auf seiner Oud spielt er dazu den Soundtrack, legt Loops an, verfremdet diese einzelnen Klangfetzen, mischt O-Töne dazu. Er ist gleichzeitig sein Tonmeister, Videomixer, Musiker, Technikassistent, digitaler Dirigent – ich bin mir nicht sicher, dass alles so geplant war, wie es dann sicht- und hörbar wurde. Doch vielleicht gehört das auch zum Konzept.
Schliesslich erzählt Dargent von einer Reise – und eine solche bringt immer wieder Unvorhersehbares, Überraschendes mit sich.
Miksi
Miksi ist ein Esperanto-Wort und bedeutet «mischen». Gemischt wird bei Miziki gleich mehrfach: archaische und historische Instrumente treffen auf digitale Beats; Menschen, vertrieben oder geflohen aus Kasachstan, Syrien oder der Türkei haben neue Freundschaften in Frankreich entwickelt. Geeinigt hat man sich auf ein Liederbuch aus den unterschiedlichen Herkünften: das klingt dann als Gesamtwerk erstaunlicherweise nach Balkan. Das hat wohl auch damit zu tun, dass es sich bei den ausgewählten Liedern vor allem um Fest- und Tanzmelodien handelt. Wie man weiss, reisen gerade solche Folk-Melodien sehr weit.
Die Band ist ein Konglomerat, das sich im gemeinsamen Musizieren gefunden hat. Die Sängerinnen und ein Geiger bewegen sich gern auch in Folktronika-Gefilden und haben auch unter dem gleichen Bandnamen eine EP eingespielt. Die älteren Bandmitglieder zeigen derweilen stolz ihre Herkunft, ihre Instrumente und ihr musikantisches Können. Einige dieser Instrumente sind selten live zu hören, handelt es sich dabei auch um selten live gehörte Instrumente. So die Rahmentrommel Daf, oder eine iranisches Ghichak, ein Instrument mit einer visuellen Verwandtschaft mit einem Cello, und klanglich verweandt mit einer Kamantsche.
Ein turbulentes Dorffest in der Fremde.
By The Sket Quintet
Lady sings the Blues from the desert: Begleitet von einem Kammerquartett singt Alima Hamel die Geschichte ihrer Familie, welche das sog. «Schwarze Jahrzehnt» Algeriens am Ende des letzten Jh. überstand. Es sind Lamenti von Krieg, Schmerz, Terror und den anschliessende Gefahren der Migration, der Suche nach einer neuen Geborgenheit. Die Geschichten stehen stellvertretend für eine ganze Generationen von Algerierinnen und Algeriern, welche aus ihrer alten Heimat vertrieben wurden, und auch in Frankreich keine wirklich neue Heimat fanden.
Unterstrichen wird die Zerrissenheit in diesen Geschichten von einem Kammerquartett, welches seine Arrangements im Klangstil der zeitgenössischen Klassik anlegt: Harmonie kann erahnt werden, doch die offenen Klangwelten, die auch mal in Dissonanzen kippen, überwiegen.
Eindeutig jedoch der Wille zur Kunst.
Cocanha

Die zwei jungen Frauen von Cocanha haben ein Konzept. Und damit schon im vornherein das Publikum hier in Marseille in der Tasche: sie singen in Okzitan, sie singen über feministische Selbstermächtigung, gegen Machtmissbrauch jeglicher Art. Gleichzeitig kennen sie die Herkunft der alten Lieder und Melodien Südfrankreichs bestens, mischen Herkunft und Heute in Melodie und Interpretation.
Caroline Dufau und Lila Fraysse spielen Instrumente, die hierzulande kaum mehr auf der Bühne eingesetzt werden: Saitentamburine, oder Tambourin de Béarn. Mit kleinen Holzknüppel geschlagene, sechssaitige Instrumente, die auf Akkorde gestimmt sind – ein Mischung aus Tamburin und Dulcimer. Zudem gehören Schellenkranz, Schlaghölzer und Podorhythmie-Werkzeuge zum Instrumentarium. Doch geführt wird das Konzert von den Stimmen: mal laut mal schreiend, mal leise gurrend.
Die Geschichten werden in den Zwischenmoderationen erklärt, die Melodien überzeugen vor allem durch die Energie der beiden Sängerinnen.
Bandua
Bandua ist ein Duo aus Portugal, das Drama, Dramaturgie und Musik zu verbinden sucht. Bandua ist ursprünglich der CD-Titel der gemeinsamen Songs. Die Arbeitsteilung ist klar definiert: der eine, Edgar Valente, ist der Sänger, der andere, Tempura, fungiert als Gitarrist und Produzent. Als Band und unter diesem Namen haben sie ebenfalls eine CD produziert: lauter Remixes.
Hier in Marseille stehen sich an einem Tisch gegenüber, der mit Laptops und Perkussions-Geräten bedeckt ist. Die meisten Sounds kommen aus dem Rechner, gesungen wird live. Gespielt werden vor allem die viereckigen Trommeln Adufe (oder: Pandeiro Quadrado), die Gitarre kommt als Farbtupfer-Pinsel zum Einsatz. Es wird viel Wert auf Theatralik gelegt. Sowohl von den Melodien wie auch vom Auftritt her ist eine gewisse Verwandtschaft zu Rodrigo Cuevas auszumachen, ohne aber dessen Bühnenpräsenz zu erreichen.
Der Auftritt wirkt nicht wirklich lebendig, bleibt Konzept.
Sonoras Mil
Zum Abschluss des Konzertabends gönne ich mir noch ein paar Schlenker für meine Tanzbeine. Im Glitter-Outfit stehen Sonoras Mil auf der Bühne und bieten ihre Version von Disco à la Colombia. Will heissen, da trifft eine Schredder-Gitarre auf psychedelische Melodien, haut die Dame gekonnt auf die Congas, und verschleppte Rhythmen tanzen im Wabersound.
Die Band bezeichnet ihren Sound denn auch als «tropical experimental Pop mit viel Groove». Der Groove wirkt zuweilen etwas aufgesetzt. Vielleicht ist es auch auf meine Übersättigung in Sachen Klang und Schalldruck zurückzuführen, dass keine letzten Energiereserven mehr angezapft werden können.
Für mich ist es ein Taumel in die Nacht. Für die Jugend Marseilles die Aufwärm-Runde für die anschliessenden DJ-Sets.
Babel Music XP 2026 im Überblick
Die ausführliche Playlist der auftretenden MusikerInnen.










