Andalusien, Äthiopien, Palästina, die Bretagne, die Mongolei, Griot-Gesang aus Mali, lockere Rhythmen aus der Karibik und viel Elektronik: Babel Music XP 2026 ist gestartet.
In seiner Begrüssung schlägt Festivaldirektor Olivier Rey einen weiten Bogen: von den weltweiten, kriegerischen Geschehnissen in Europa, dem Nahen Osten, Zentralafrika, bis zu den entscheidenden Wahlen in Marseille, wo am kommenden Sonntag zwischen Links und Rechts entschieden wird.
Von ihm und seinen Partnern aus Politik und Kultur wird immer wieder die verbindende Kraft der Musik betont. Und ein ebenso oft gehörtes Zitat: Marseille ist die Tür, die offene Tür, in den Süden.
Musikalische beginnt dieses Festival mit Nachmittags-Konzerten.
Maarja Nuut
Layers, Schwaden, O-Töne, eine Art Tagebuch: Maarja Nuut erzählt keine verständlichen Geschichten. Sie bietet eine Klangleinwand, auf die jeder Zuhörer seine eigenen Geschichten projizieren kann.
Maarja Nuut nutzt Geige, Keyboard und Mikrofon, um ihren elektronischen Geräten Input zu liefern, ruft gleichzeitig Loops und Klangstrukturen aus den Maschinen ab, mischt alles zu Kaskaden, die dann wieder auf eine scheue Melodie zusammenfallen können. Nach einem solchen Klangausflug, – ein Geräusch noch klingt aus dem Rechner – erzählt die Solistin: Das ist mein Haus. Es ist ein altes Haus, und irgendwie schaffte es der Wind während eines Wintersturms, sich unter die Dachbalken zu schleichen, machte dieses Geräusch. Ich legte mein Aufnahmegerät in den Dachstock und liess es einige Stunden arbeiten. Jetzt ist das Haus renoviert, der Wind pfeift nicht mehr durchs Gebälk, aber dieser Ton bedeutet für mich Heimat, Wurzel.
Es ist Musik, die vielleicht intellektuell seziert werden könnte, der man sich aber am besten vorurteilsfrei anvertraut.
Kuula Hetke

Die beiden Flötistinnen haben ihre Melodien aus dem Liederbuch ihrer Grosseltern geholt. Dort sind nicht nur estnische Melodien gesammelt, denn schon zu Zeiten besagter Grosseltern gab es Migration, kamen Menschen und Lieder aus entlegenen Ländern, z.b. Norwegen.
Die beiden jungen Interpretinnen nutzen gerne Tanznummern, deren Melodien sich gut in gespielten und gesampelten Loopschleifen anlegen lassen. Es wird geflötet, gesungen, geloopt und dadurch eben auch alles gleichzeitig. Die Ladies bringen durch diese elektronisch unterstützten Arbeitsweise die Folk Musik wieder zurück in die Improvisation.
Das gelingt, wenn man die Technik nicht zu dicht überfrachtet, sondern immer noch genug Luft zwischen den Spuren frei lässt, und für melodische Ausflüge nutzt.
Inner Space
Der Konzertabend beginnt mit einem Ausflug in den Nahen Osten, das Vehikel besteht aus viel Elektronik. Lorenzo Bianchi Hoesch and Amir ElSaffar nennen ihre Zusamenarbeit «Inner Space». Der innere Raum kann in einzelnen Ecken leise, verhalten, verträumt sein. In anderen Momenten laut, energisch, aufbegehrend. Die Instrumentierung und die Arbeitsteilung habe ich in dieser symbiotischen Art noch selten gehört.
Da ist ein Sänger und Instrumentalist mit einem arabisch-magrebinischen Melodienschatz und einem Musikverständnis zwischen Makam und Jazz. Daneben ein Elektroniker mit Zugang zu allen Tönen, die der Instrumentalist freisetzte. Plus einige Gigabits mit Sounds und Noise. Er setzt den Instrumentalisten in Hallräume, verzerrt dessen Input, baut Klangwelten. Er mischt eigene Sounds dazu, zuckt an seinem Mischpult wie ein Klang-Gnom. Die digitalen Instrumente werden bis zum Anschlag ausgelotet, manchmal chaotisch, insgesamt sehr dynamisch.
Das Konzert lässt einen etwas ratlos zurück, irgendwo zwischen übersättigt und ausgehöhlt.
Tengerton
Ein neues Quartett, entstanden auf der Asche von Egschiglen, einer jener Truppe, welche die Melodien der Mongolei nach Europa brachten. Alle auf der Bühne sind begnadete Sänger in den unterschiedlichen Stilen des Kehlkopf-Gesangs. Tradition. Zudem Meister der Pferdekopf Geige. Am Anfang entsteht vielleicht der Eindruck dass hier vor allem die Tradition gepflegt wird. Die spielt eine wichtige Rolle, doch je länger das Konzert umso mehr der Gedanke, dass hier mit grosser handwerklicher Präzision an der TRadition geschraubt wird.
Die Truppe kommt gerade aus dem Studio, die Songs sind noch frisch, die Arrangement präsent. Die Musiker gut aufeinander eingespielt. Man hat manchmal den Eindruck, dass die Musiker speziell für ihre Vielfalt gecastet wurden – doch so viele Musiker aus der Mongolei dürften ja nicht in Deutschland leben. Denn von dort stammen diese neuen Hüter einer alten Tradition: Tengerton.
Für das Konzert haben sie noch Gäste nach Marseille gebracht. Die Sängerin Erdenetsetseg Khenmedekh und die Flötistin Erkhes Otgonbayar. Farbtupfer in einer Klangerzählung von Weite, Naturverbundeheit und Abwesenheit von Zeit.
La Litanie des Cimes & Mah Damba
Es ist auch ein Abend der überraschenden Formationen, der Fusionen, resp. der Zusammenarbeit von Klangwelten, -Kulturen. Ein weiteres Beispiel: La Litanie des Cimes, das Trio des Violonisten Clément Janinet, mit dem Cello von Bruno Ducret und den Klarinetten von Élodie Pasquier. Das Trio ist schon lange in der Musik zwischen den Genres unterwegs.
Diesmal steht eine Griotte aus Mali im Zentrum des Repertoires: Mah Damba. Es ist kein zufälliges Zusammentreffen der Protagonisten – man kennt sich, Clément hat schon viel mit anderen Musikern aus der Familie von Mah Damba musiziert.
Es war ein Konzert, bei dem die Grooves der Mandingo-Kultur nicht an erster Stelle standen, sondern die Sängerin als Geschichtenerzählerin. Ein stimmiges, aber doch – oder noch? – leicht verhaltenes Konzert. Verhalten, weil die Gedanken der europäischen Musiker des öftern noch an Arrangement-Ideen hafteten, nicht frei aufgespielen. Im Moment ist diese Formation auf Tour. Ich würde gerne diese Konzert nochmals erleben, wenn alle die 25 Konzerte in den Fingern und in den Ohren haben.
Meryem Koufi & Mehdi Haddab
YouTube (Meryem), Spotify Mehdi Haddab (Nuba Nova)
Zwei Ouds ganz unterschiedlicher Bauart, eine Gitarre, eine Stimme, und einige Rhythmustracks aus dem Rechner. So präsentierten sich Meryem Koufi und Mehdi Haddab mit ihrem Trio. Im klanglichen Zentrum dieses Projekts steht Meryem Koufi, und ihre Interpretation eines Liederbuchs aus dem 15./16.Jd, als Spanien unter maurischer Herrschaft war. Cordoba und Granada waren damals die Zentren einer kulturellen Blütezeit, vor allem in Musik und Poesie.
Die Musiker sind gerade daran, eine neue Produktion einzufangen. Eine Art Fortsetzung von “Nuba Nova”. Es geht um die Revitalisierung dieser Nuba-Tradition, die ein ausgeklügeltes, musikalisches Regelwerk und eine umfangreiche Poesiesammlung ist. Meryem Koufi hält sich in ihrem Gesang eng an die überlieferten Melodien, nutzt aber jede Möglichkeit, ihnen empathisch neue Gefühle einzupflanzen. Mehdi, und sein Gitarrist Skander Besbes, nutzen ihre modernen Instrumente, den alten Liedern ein aktuelles Klangkleid zu schneidern. Insbesondere die Gitarre mit einem Hang zu Surf-Sounds, welche im Magreb in den 60er und 70er Jahren sehr gepflegt wurde, setzte klangliche Gegengewichte zur Tradition.
Ein spannendes Projekt, das im Sommer als CD erscheinen soll.
Célia Wa
Die Sängerin und Flötistin Célia Wa ist Festival-Gängern bereits ein Begriff, war sie doch letztes Jahr Mitstreiterin im Kollektiv ExpéKa. Heute steht sie als Solistin auf derselben Bühne. Fazit: Wir haben eine Rapperin an den Pop verloren.
Unterstützt von einem versierten, ziemlich präzisen und raumgreifenden Schlagwerker und einem breit ausgelegten Keyboard singt und spielt Célia Wa eine Mischung aus Flower-Pop und karibischen Tänzelrhythmen.
Als Performerin hat sie mächtig zugelegt, aber scheitert an ihren Vorstellungen, wie das Publikum reagieren sollte: es ist heute Abend einfach nicht sehr mitsing-freudig. Damit bleibt die Bühnenenergie auf halbem Weg stecken.
Ahmed Eid & ILYF
Ein wirbliger Bassist und Frontmann steht auf der Bühne des kleinsten Clubs an diesem Festival, dem Makeda: Ahmed Eid und seine Band ILYF. Eid ist Palästinenser, lebt heute in Berlin im Exil. Seinen Bass handhabt er gerne als Lead-Instrument. Die Band bietet mit kantigen Riffs und Melodien von Geige und E-Mandoline, konsequent geschlagenen Grooves vom Schlagwerker und breiten Klangwolken aus den Keys die sichere Grundlage für das wirblige Tun ihres Frontmanns.
Von Achmed Eid kommen die bisher klarsten politischen Statements dieses Festivals. Er geht nicht auf den Krieg direkt ein, aber auf die repressive Besetzung seines Lands, die Knebelung seiner Kultur. Im mehrheitlich jugendlichen Publikum treffen die Statements auf offene Ohren, und werden ebenso frenetisch applaudiert wie die Musik der Band. Ein energiereicher Auftritt.
Etenesh Wassié

Einen klanglich etwas skurrilen Auftritt hat die Band um die äthiopische Sängerin Etenesh Wassié. Zwei Bassisten, ein Schlagzeug, fertig! Ich muss etwas genauer beschreiben: Der Stehbass ist mit viel Bogeneinsatz oft ein Solowerkzeug. Zudem glänzt Sébastian Bacquias aus als Tänzer, im Arm seinen Bass. Neben ihm spielt Mathieu Sourisseau seinen akustischen E-Bass wie eine Gitarre, greift Akkorde, ist Taktgeber. Angetrieben wird die Truppe von einem wirbligen Fabien Duscombs, der keinen Rhythmuswechsel fürchtet.
Denn die Musik folgt nicht den gewohnten Strukturen. Sie klingt oft wie ein Jazzer, der Energie aus dem Punk getankt hat, die jetzt raus muss. Sängerin Etenesh Wassié wechselt mit Leichtigkeit zwischen der Pentatonik Äthiopiens und jazzigen Tonsprüngen. Sie richtet ihre Bühnenansagen gerne an die jugendliche Diaspora vor der Bühne, die ihre Handys auf Langzeitaufnahme gestellt haben. Ein teilweise chaotischer, aber freundlicher Auftritt.
Für LeserInnen dieses Blogs: Die Band spielt am 21.3. im Le Bout du Monde in Vevey, und am 22.3. in Lugano.
Ducasse

Ein kumpelhaftes «Yo-Yo-Man»-Kopfnicken gibt’s dann beim Ausklang des ersten Festivalabend: Downbeat-Grooves aus der Bretagne mit Ducasse. Auch hier liegen viele Soundüberraschungen in der Kombination von Klangquellen auf der Bühne. Ein etwas stoischer Sänger und Rezitator übernimmt die melodische Hauptarbeit, wird aber von einem diatonischen Akkordeon und einer Klarinette ständig umworben. Der Klang beider Instrumente ist durch diverse elektronischen Gadgets und Pedale verfremdet.
Wenn die Instrumentalisten mal gerade nicht ihre Instrumente bedienen, teilen sie sich die grosszügige Maschinen- und Mixer Auslegeordnung ihres Kollegen. Yo Man ! So geht es mit beschwingtem Schritt und Kopfnicken gut gelaunt auf den Heimweg.


















2 thoughts on “Babel Music XP 2026 erster Abend”
Da hast du aber heftig gearbeitet, Chapeau. Sehr informativ, was du da zusammenträgst. Sag mal, sind die Fotos von dir? Bist erstaunlich nah drauf….
Rechtzeitig vor Ort sein. Und manchmal hilft ein gutes Objektiv….