Babel Music XP 2026 zweiter Konzertabend

Groove& am Festival Babel Music XP 2026 in MarseilleStichworte des zweiten Abends am Festival Babel Music XP 2026 sind Perkussion, Verführung, Schalldruck, Schleifenmelodien und eine einzelne Stimme.

Locker gehen die drei Perkussionistinnen aus Südkorea ihr Set in der Kuppel des Friche-Komplexes, (ein weitläufiges, ehemaliges Industriegebäude in der Nähe des Bahnhofs, heute von Ateliers aller Kunstrichtungen genutzt) an. Die Kuppel wurde von der Universität extra zu Klang-experimentellen Zwecken gebaut. Wer den Sound in einer Kuppel schon mal gehört, die Hallräume von Kathedralen oder Gewölben selber ausgetestet hat weiss, wovon ich spreche. Doch zum Konzert:

Groove&

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Nun haben wir es mit drei Perkussionistinnen zu tun, mit Trommelfellen, Gongs und anderen metallenen Klangkörpern. Kurz – es war zuweilen auch eine Attacke auf die Trommelfelle der Konzertbesucherinnen. Doch das wurde locker weggesteckt durch den Charme, die Synchronizität der drei Musikerinnen, ihre Konzentration auf die Abläufe. Denn die drei spielen nicht durchgehende Rhythmen, mit Variationen innerhalb regelmässiger Strukturen. Vielmehr haben sie ein grosses Repertoire von Rhythmus-Pattern, die sie in hoher dynamischen Dichte wechseln. Es sind rhythmische Lieder, inkl. Tempo-Arrangements.

Das Wechselspiel der drei Ladies funktioniert auch durch ständige Kommunikation während der Aufführung. Viel «Dirigentenarbeit» passiert durch Augenkontakt, Kopfnicken. Und immer wieder durch klare Rufe, Audio-Wegweiser. Die Führung durch die dynamisch komplexen Arrangements wird so ständig einer anderen Spielerin zugewiesen.

Groove& zeigen, wieviele Klänge in einer Janggu-Trommel stecken, wie funky kleine Handgongs klingen können, wie intensiv Rhythmen sein können.

Rebecca Roger Cruz

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Die Reihe der Abendkonzerte wurde von Rebecca Roger Cruz eröffnet. Ihre Songs haben an Sicherheit gewonnen, seit ich sie letztes Jahr in Arles erlebte. Geblieben ist der etwas theatralische Auftritt der Sängerin. Es gibt sicher Vorbilder (z.B. Lila Downs), bei denen sie den schamanischen Rahmen eines Konzert entdeckt hat. Oder sie bringt so ihre venezuelanische Heimat mit auf europäische Bühnen.

Auch der Auftritt der Band ist lockerer geworden. Ich weiss nicht recht, was mir meinen kritischen Abwehr-Reflex verursacht. Es muss etwas Künstliches im Auftritt sein, denn an den handwerklichen Fähigkeiten der Sängerin und ihrer Band ist nichts auszusetzen.

Vielleicht liegt es auch daran, dass man bei einem Festival wie dem Babel Music XP, an dem die Auftritte Showcase-Charakter haben, der dichte Zeitplan keine vollen Konzerte zulässt, ins schleudern gerät: Man will mehr zeigen, als in der kurzen Zeit möglich ist.

L’Antidote

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Die Kompositionen von L‘Antidote, dem libanesisch albanisch iranischen Trio aus Frankreich, sind im Vergleich zur gleichnamigen Produktion etwas muskulöser geworden. Die Dynamik des Auftritts ist durch diverse Konzerte geschliffen worden. Der Pianist Rami Khalifé spielt sein Instrument sehr perkussiv, Redi Hasa lässt sein Cello auch weit in jazzige Gefilde spazieren. Und Bijan Chemirani zeigt einmal mehr, warum er in den letzten Jahren zu einem der gefragtesten Perkussionisten in allen Stilen rund um’s Mittelmeer wurde: Timing, Vielseitigkeit, Groove – es timmt einfach.

Die drei Musiker sind angetreten, dem momentan schmerzhaften Zustand unserer Gesellschaften ein Heilmittel anzubieten: Schönheit und Harmonie gegen Schmerz und Angst. Das gelingt nicht immer. Da viele Kompositionen in langen Wiederholungen und Variationen eines musikalischen Themas angelegt sind, bekommt die Musik etwas zu viel Vorhersehbarkeit.

Die einzelnen Melodien wachsen nicht über sich hinaus, sondern werden «schwerer». Darunter leidet dann die Leichtigkeit. Doch das ist alles stänkern auf hohem Niveau. Selber hören!

Le Grand Ensemble Filos

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Hier spielt das östliche Mittelmeer. Das Grand Ensemble Filos pflegt ein Liederbuch, das von den Küsten Griechenlands bis ins kurdische Hinterland von Syrien und der Türkei reicht. Es erinnert einmal mehr daran, dass Marseille ein Hafen ist, und das Mittelmeer eine kulturelle Ursuppe. Dass sich hier die Klangkulturen aus drei Kontinenten trafen, und treffen.

Geigen, Flöten, eine Baglama, zwei Perkussionisten und eine Sängerin, die auch als Geschichtenerzählerin durchs Programm führt – es ist eine Grossformation. Viel Herzblut in den Songs, aber der letzte Pfiff fehlt, es ist Musikpflege. Gegen Ende des Konzerts kommt dann doch noch etwas Schwung auf, auch weil sich das Publikum, so gut es geht, im dicht gedrängten Saal ein kleines Tanzfleckchen erobert.

Für einen wilden Tanz fehlt dann doch der Platz – auf und vor der Bühne.

Djazia Satour

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Sie kann es auch ohne Band, Djazia Satour. Zusammen mit ihrem Pianisten Pierre-Luc Jamain und ihrer Rahmentrommel setzt sie ganz auf ihre Stimme. Die hat Kraft. Es hilft, dass ihr Begleiter ein Pianist ist, der den kräftigen, rhythmischen Groove seines Instruments liebt. Lyrische, und damit gerne auch jazzige Ausflüge, setzt er zwischen die Strophen, kräftig unterstützt von der Rahmentrommel Bendir seiner Sängerin. Jetzt kommt zum Ausdruck, was mir Djazia Satur im Interview vor dem Konzert aufs Band sagte. «Ich wollte eigentlich keine Songs für einen Pianisten machen. Sondern Lieder zu meiner Trommel. Genau das wollte Pierre-Luc Jamain auch, Piano und Trommel zusammenbringen.» So ist die letzte Produktion El Hourriya (bandcamp) entstanden.

Die Sängerin aus Grenoble mit algerischen Wurzeln setzt sich in ihrem Songschreiben mehr für die Vergessenen der Geschichte, für die an den Rand gedrängten in ganz unterschiedlichen Gesellschaften ein – von Gaza bis Teheran, aber auch zurück bis zur Schlacht von Wounded Knee. In ihren Moderationen, Erklärungen zum folgenden Lied, kippt die Tonlage der Sängerin manchmal in einen ins Predigerton. Und doch schafft sie es, ein Lied über die gefährliche Flucht aus dem Süden über’s Mittelmeer in einen Gesangsdialog mit dem Publikum zusammen zu bringen.

Die Konzertbesucherinnen in Marseille folgen der Sängerin in jede Nuance. Ein charmanter, ehrlicher Auftritt einer charismatischen Sängerin. Überzeugend.

Lavinia Mancusi

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Lavinia Mancusi ist eine Sirene, eine Multiinstrumentalistin (Geige, Trommel, Gitarre). Sie gurrt, keift, leidet, schmeichelt. Ist auf der Bühne all das, was man betreffend italienische Klischees zusammen packen kann: Sie singt wie eine Operndiva, um kurz darauf ins Flüstern zu verfallen, ist voller Emotionen, die ausgelebt werden wollen. Sie betrat die Bühne mit den Worten: Achtung – hier kommen die gefährlichen, italienischen Antifaschisten.

Ganz klar, dass bei diesem Einsatz in den Moderationen und Texten kräftig gegen den Kapitalismus und die herrschende Klasse angesungen wird. Doch insgesamt überwiegt Lebensfreude, auch wenn die Heiterkeit manchmal etwas gar forciert platziert ist.

Zudem hilft eine gute Portion Schabernack immer gegen politischen und anderen Frust. Erfrischend, auch weil frech und gnadenlos.

Re#Encounter

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Aus Belgien kommt eine wilde Truppe, Re#Encounter, und lädt ein zu einem Wüstenritt von Marrakesch nach Adis Abeba und zurück. Es klappern die Qaraqib, das Gimbri groovt in der Frontline, die Bläsersektion tanzt irgendwo zwischen Afrobeat, Chaos und den auf Trance angelegten Gnawa Grooves. Mit Farbtupern, wenn z.B. der Flötist zum Mikrofon greift und eine Rap-Tirade in Wolof ins Publikum schleudert, oder der Trompeter sich in Jazz-Sphären oder zwischen seinen (geschätzten) 30 Effektgeräten verliert.

Chaos mit Methode, Trance um Verspannungen und Frust wegzutanzen. Aber man muss dazu aufgelegt sein! Wer diesen Auftritt „nur“ als Konzert geniessen will, wird nach spätesten drei 5-Minuten Songs erschlagen das Weite suchen. Die Sound-Wolke ist einfach zu überwältigend. Es droht der akustische Knockout.

Super Parquet

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Als hätte Thor seinen Hammer um Paukenschlegel umfunktioniert. Super Parquet besteht aus Banjo, Dudelsack und zwei Tech-Konsolen, gut ausgebaut, plus ein Harmonium. Plus viel Strom. Plus viel Testeron. Wobei der Vergleich mit Thor etwas fehl am Platz ist. Wohl eher ist es ein Kriegsheld aus dem Zentralmassiv, der seine Gefolgschaft, Männlein wie Weiblein, Hardrock-Bal einladet.

Borduntöne aus dem Dudelsack rufen in die Schlacht auf dem Tanzboden, flatternde Tiefbässe aus dem Rechner bewegen selbst das steifste Bein. Ein Bal ist eigentlich ein Tanzanlass, bei dem die Musiker nicht nur ihre Instrumente bedienen, sondern auch Tanzanweisungen geben – Live-Choreografie, quasi. Wer an einen Tanzanlass von Super Parquet geht, muss Trommelfelle aus Knochen und eine Magengrube wie ein Trampolin haben. Heftiges Headbanging ist immer gut am Platz, denn es geht um physische Sound-Attacken, Schalldruck, weniger um Musik.

P.S. eine Bemerkung zum Lichtdesign des Festivals. Positiv: die neuen LED-Lichtwerfer werden sehr kreativ eingesetzt. Nachteil: Wenn man das Pech hat, direkt im Lichtkegel eines Scheinwerfers zu stehen, der ins Publikum leuchtet, ist eine starke Sonnenbrille sehr nützlich….

P.P.S. Dass ich von Super Parquet kein Bandfoto veröffentliche hat damit zu tun, dass einige Bands ihre Kontrolle über das Bild so konsequent durchziehen, dass sie die Bilder erst nach einer Sichtung zur Veröffentlichung freigeben. Geht leider bei einem Online-Medium schlecht, denn ich nehme an, dass die Musiker gerade mal aufwachen, wenn dieser Text erscheinen sollte… Aber in diesem Fall: Es war über weite Strecken auch das Lichtdesign der Band…

Lindigo

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Zum Abschluss machen Lindigo und seine Familien-Band das, was sie am besten können: selbst übersättigte Ohren nochmals hellhörig machen, selbst müde Tanzbeine nochmals bewegen. Es geht vor allem darum, gute Stimmung zu verbreiten.

Viel Perkussion, viel Trommelwerk, ganz auf Call-and-Response ausgerichtete Melodien, ab und an ein paar rhythmische Interventionen aus einem Cajun-Akkordeon, und vor allem viel Energie – mehr braucht es an einer Lindigo-Party nicht. Der Sänger, Komponist und Frontmann hat eine ganze Menge Energie auf Lager, und schleudert sie freigiebig ins Publikum.

Lindigo hat über die Jahre eine Mischung aus Sega und der groovigen Hälfte des Maloya zu seinem ganz persönlichen Stilmix zusammengebraut. Er ist ein Familienmensch und, etwas un-nett definiert, könnte man ihn als Festnudel bezeichnen.

Good Vibes sind sein Markenzeichen und damit holt er auch das durchmischte, insgesamt eher jugendliche Publikum in Marseille voll ab.

Hier ist der Rückbliock auf Tag Eins des Festivals Babel Music XP 2026.

 

2 thoughts on “Babel Music XP 2026 zweiter Konzertabend

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