Eine Sängerin aus Tunesien ist zu entdecken: Bouthaina Nabouli. Vorerst in fünf Liedern. Doch es ist ein klingendes Versprechen für die Zukunft.
«Herkunft aber bleibt stehts Zukunft» soll einst der Philosoph Martin Heidegger gesagt haben. Dieser Satz wurde seither von vielen Organisationen und Strategie-Entwicklern immer wieder in anderem Zusammenhang eingesetzt. Auf Bouthaina Nabouli aber trifft es ganz besonders zu. Schon als Kind sang sie die epischen Lieder der ägyptischen Diva Umm Kulthum. Mit 13 schrieb sie ihre ersten eigenen Texte. Die musikalischen Vorbilder aus der Mitte des letzten Jahrhunderts haben sie geprägt.
Bouthaina Nabouli hat ihre Stimme, ihr Talent gefördert, weniger ihre musikalische Karriere. Die entstand über Mund-zu-Mund-Propaganda und Instagram. In ihrer Heimat Tunis war sie bereits eine bekannte Interpretin, am Festival International de Hammamet im August 2026 kam dann der internationale Durchbruch. Für die Sängerin eine bleibendes Erlebnis, wie sie Lilia Blaise in einem Interview für RFI erzählte:
C’était fou, car c’était la première fois que je montais sur la scène d’un festival connu et voir un public qui connaît déjà le refrain par cœur de mes chansons, ça fait quelque chose.
Es ist verrückt: da stehst du zum ersten Mal auf einer grossen Bühne, und die Leute singen den Refrain deiner Lieder mit – was für ein grosses Erlebnis.
Die fünf Lieder der EP «Doulicha» haben denn auch den Atem, den leicht melancholischen Hauch ihrer Vorbilder. Warum gerade heute und gerade die Jugend ihre Songs so gerne hat, erklärt sich die Sängerin so:
Nous sommes toujours dans la construction d’une forme d’identité en tant que Tunisiens, et les jeunes recherchent aussi des références locales, même si ce n’est pas de leur époque
Wir sind immer noch dabei, eine Art Identität als Tunesier zu entwickeln, und die jungen Leute suchen nach lokalen Bezugspunkten, auch wenn diese nicht aus ihrer Zeit stammen.
Sie spielt damit auf die Folgen des «arabischen Frühlings» an, die 2010 in Tunesien begannen. Doch sie singt keine politische Texte, sondern Lieder über Sehnsucht, Liebe, Träume. Kompositorisch hat sie einen erfahrenen Arrangeur zur Seite: Kais Melliti, der u.a. auch schon für Khaled Song orchestrierte.
«Doulicha» ist eine EP, die zum Sprungbrett für eine grosse Karriere werden könnte. Hoffen wir’s!
