Konzertberichte November 2025

Patrici-Draeger-liv@Kleintheater-Luzern-251126Konzerte sind eine der letzten noch verbliebenen Einnahmequellen für Musikerinnen und Interpreten. Sie hinterlassen einen bleibenden Eindruck.

Musik hören und diese Musik live zu erleben sind zwei Paar Schuhe. Darum habe ich mir vorgenommen, auch regelmässiger zu berichten, was ich gesehen, gehört und erlebt habe – auch ausserhalb der besuchten Festivals. Dies die Eindrücke des Monats November:

5. November bee-flat im Progr Bern: Ëda Diaz

Ëda Diaz, die Bassistin mit einem Flair für Electronica begann ihr Konzert vorsichtig. Zum einen war das Publikum leider nicht sehr zahlreich erschienen, zum zweiten war die Sängerin und Komponistin nicht sicher, wie dieses Publikum reagieren würde. Es war wie oft in Bern: Zögerlich, aber warmherzig, und bis Konzertende enthusiastisch.

Die Musik: Zwischen Poesie und Groove, zwischen europäischem Chanson und südamerikanischen Grooves. Eda Diaz und ihr Quartett stellten vor allem Songs aus dem Album «Suave Bruta» vor. Die Instrumentierung: zwei Keyboards, Gitarre, Stehbass und viel Perkussion. Ihre MitstreiterInnen Anthony (git), Climène (voc), Baptiste (dr) und die Sängerin am Bass zeigten, wie man mit geschickten Arrangements, mit der gekonnten Verschränkung von Instrumenten und Live-Electronica abwechslungsreiche Stimmungen kreieren kann – immer den Melodien dienend. Nach der anfänglichen Unsicherheit wurden Band und Publikum sehr schnell Freunde – strahlende Gesichter auf und vor der Bühne.

Empfehlenswert im Dezember bei bee-flat: Die Afrofuturisten Fulu Miziki.

6. November Progr-Aula Bern: Viertaktmotor und Myslaure Augustin

Das Konzept des Viertaktmotors und ihrer Konzertidee «grenzgängig»: aktive Klang-Konfrontation. Es geht darum, neue Schweizer Volksmusik mit Stil-Klängen zusammen zu bringen, die sich selten die Bühne teilen. Am Nachmittag treffen sich jeweils Band und Gast, es wird intensiv geprobt und das abendliche Set erstellt.

Für die Begegnung mit Myslaure Augustin brauchte es ziemlich viele Notenblätter, denn die Pianistin kommt aus der freien Jazzimprovisation und bringt sehr komplexe Kompositionen mit. Ein zusätzliches Erschwernis erklärte Cellist Raphael Heggendorn während des Konzerts – beim gemeinsamen «stimmen»:

Der Flügel ist auf 440 Hertz (Hz) gestimmt, das Akkordeon auf 442 Hz, die Saiteninstrumente können es spieltechnisch ausgleichen und das Hackbrett ist irgendwo dazwischen oder ausserhalb.

Das Konzert selber: Eine veritable Kollision der Harmonien mit ausgleichendem Groove. Soliert die Pianistin wird sie von der Band in den Kompositionsstrukturen begleitet, der gemeinsame Herzschlag ist rhythmischer Natur. Dasselbe gilt umgekehrt, d.h. die Pianistin findet zu zuweilen bodenständigen Rhythmus-Begleitungen, wenn die Band in vertrauteren Arrangements unterwegs ist. Für Publikum und MusikerInnen eine Frage der Konzentration, denn dass in einem solch zeitlich kurzfristig vorbereiteten Zusammenspiel auch noch luftige Lockerheit aufkommen konnte, war nur ansatzweise möglich.

Nächste Klangbegegnung von Viertaktmotor mit einem Überraschungsgast: 18. Dezember.

9. November Moods Zürich: Töbi Tobler, Patrick Sommer, Reto Suhner

Gleich nochmals Hackbrett, diesmal mit einem Pionier der neuen Schweizer Volksmusik: Töbi Tobler. Der Hackbrett-Pionier bringt seit den Folk-Jahren des letzten Jahrhunderts in verschiedenen Formationen sein Instrument ein. Seit fünf Jahren arbeitet er mit dem Bassisten Patrick Sommer zusammen. Auf der letzten Produktion «Einfache Stücke in schwierigen Zeiten» (2024) gesellte sich noch Reto Suhner dazu. Auch dieser ein Tänzer über die Genre-Grenzen hinweg. Neben seinem musikalischen Handwerk glänzte Töbi Tobler auch mit seinen schelmischen Ansagen zu seinen Stücken.

An diesem Abend im Moods stellten sie vor allem das Repertoire des Albums vor, das seinen Ursprung in den Corona-Jahren hatte. Tobler hatte aus dem Lock-down eine Tugend gemacht und sich einige appenzellerisch geprägte Melodien einfallen lassen. Wobei er in die traditionellen Melodien eben gerne seine stilistisch abwegigen Melodie-Fallstricke einbaut. Sommer wechselte gerne vom Stehbass zum Gimbri, und Suhner bliess nicht nur sein Saxophon, sondern griff sehr gerne zu einer Klarinette aus dem Bassbereich und zur Duduk. Deutlich zu hören, woher die Musik kam, überraschend, wohin sie einen ent-führte.

22. November ONO Bern: Dimitris Mystakidis

Zugegeben: Er ist mein liebster Rembetiko-Musiker: Dimitris Mystakidis aus Thessaloniki. Und obschon Rembetiko nicht der lustigste Musikstil ist, ist es jedes Mal eine Freude, dem Sänger und Gitarristen zuzuhören. Bei diesem Besuch in der Schweiz war er als Solist unterwegs. Allerdings als einer, für den der Laptop auf der Bühne und die Loop-Pedale am Boden weder Fallstrick noch technisches Ärgernis sind.

Mit Flöte und seinen zwei Gitarren – wobei die akustische öfter gebraucht wurde – führte uns Mystakidis durch sein Repertoire. Es war ein durch und durch griechisches Programm, will sagen: Es wurde ausschliesslich griechisch gesprochen und gesungen. Ich verstand also kein Wort von dem, was der Künstler mir da sagen wollte, aber seine Musik traf mich, wie immer. Eine Selbstverständlichkeit im Auftritt, eine Sicherheit in Bezug auf Instrument und Technik, und eine tiefe Verbundenheit zur Quelle der Rembetiko-Musik überzeugen auch ohne Übersetzung. Und für die griechische Diaspora im Kellertheater eine Gelegenheit, bei einigen Liedern, vor allem gegen Ende des Auftritts und in den Zugaben, mit zu summen, für einige Minuten «daheim» zu sein.

24. November Exil Zürich: Nik Bärsch’s Ronin

Ganz andere Musik, stil- und grenzüberschreitend, im Exil in Zürich: Nik Bärtsch und seine Ronin. Als Zen-Funk wird die Musik bezeichnet, in Ermangelung eines abgesicherten Genre-Begriffs. Man könnte es auch als Jazz bezeichnen, das wäre aber zuwenig treffend weil zu wenig offen. Diese Band konzertiert zum 1095. Mal auf dieser Bühne und an diesem Montag-Abend! Hier im «Exil» zelebriert Bärtsch und sein Quartett jeweils am Montag Abend den neusten Stand der Bandarbeit, des Repertoires, der Experimente, der Tournee-Vorbereitung. (Bevor Bärtsch mit Kollegen den Club gründete war er Gast in Zürichs ehemaligem Jazz-Biotop «Bazillus».)

Es ist geschichtete Musik: die melodischen Strukturen legen sich übereinander, widersprechen sich zuweilen, Rhythmen laufen gegeneinander, Takt-Metriken werden verschoben, Klangkaskaden werden aufgebaut und fallen wieder in sich zusammen – Dynamik mit Überraschungen, Harmonien wo man sie am wenigsten erwartet, und fehlende Harmonie wo man sie sehnlichst erwartet. Eine – sehr lohnenswerte! – Herausforderung an aufmerksame und klang-abenteuerliche Ohren. (Hörbeispiele gibt’s auf Spotify, Konzerterlebnisse eben nur im Konzert.)

Nächstes Konzert: nächsten Montag, im Exil!

25. November Kleintheater Luzern: Ala Fekra

Ala Fekra ist das ägyptische Langzeitprojekt der Akkordeonistin Patricia Draeger. Sie nutzte vor rund 10 Jahren ein Atelier-Stipendium der Pro Helvetia, um in Kairo in eine total fremde Klangwelt einzutauchen. Oder wie sie es ausdrückte: ich fühlte mich in meiner klassisch europäischen Klangwelt gefangen.

Eine erste CD «Ala Fekra» wurde während der ersten Konzerttournee 2019 mit Ala Fekra in der Schweiz in den Hardstudios Winterthur eingespielt. Für eine zweite Produktion wurde in den letzten Tagen bei den Auftritten während der aktuellen CH-Tournee Aufnahmen gemacht und gesammelt. Noch steht kein Release-Datum fest.

Auf der Bühne sitzt Patricia Draeger nicht nur in der Mitte der Band, sie ist auch Dreh- und Angelpunkt des Repertoires. Sie weiss wo sie in den einzelnen Stücken den ägyptischen Musikern in ihren Viertelton-Improvisationen Raum geben kann, und wo die europäischen Instrumente dominieren dürfen. Es ist ein atmendes Konzert, hat wenig Hektik aber viel Dynamik, sowohl im Repertoireaufbau wie in den einzelnen Stücken. Die Schweizer Musiker hatten ihren Aufenthalt in Kairo Ende September dieses Jahres gut genutzt, um das gemeinsame Repertoire zu arrangieren. Die Verbindung von europäischen und arabischen Klangwelten geschieht ohne Klangbrüche. Und mit viel Respekt. Das Publikum honorierte es mit Standig-Ovations. Ich warte jetzt gespannt auf die Veröffentlichung der Live-CD!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.