Les Cinq Continents, der Samstag

Für einmal hätte ich genre etwas weniger Sonne gehabt, denn die brannte auch am zweiten Tag des Festivals Les Cinq Continents so gnadenlos auf das Städtchen Martigny, dass sich die Zahl der Musikenthusiastinnen sehr im Rahmen hielt. Es war wohl tagsüber vielen schlicht zu heiss. Dabei hätte es einiges zu entdecken gegeben.

Pulse

 

Auf der Manoir-Bühne, glücklicherweise gerade noch im Schatten, lud Pulse zu einem stillen Bad in indischen Melodien. Die Musik erfordert Aufmerksamkeit, Konzentration. Im Zentrum der Darbietung steht die Sängerin Pelva Naik; sie schöpft aus dem reichen Repertoire der Druhpad, dem ältesten Liederbuch/Gesangsstil Indiens. Diese Lieder wurden ursprünglich ausschliesslich von Männern gesungen, doch die Zeiten haben sich geändert.

 

Die Sängerin wird vom Perkussionisten Davy Sur und Reno Danoi mit seiner Chaturangui, einer nordindischen Variante der Slidegitarre, begleitet. Auch nicht die ursprünglichen Begleitinstrumente für Druhpad-Songs. Es waren erfreulich viel Besucherinnen anwesend, doch ich glaube, diese Band wird ihr dankbarstes Publikum erst am Sonntag Morgen haben, wenn sie das Sonnenaufgang-Konzert spielen werden.

Kalakuta Mentality

 

Auf der anderen Seite des Zentralplatzes von Martigny kündigte findet gleich anschliessend ein Kontrast-Programm statt. Das Grossprojekt Kalakuta Mentality aus der Leman-Region belegt meine Beobachtung, das jede Stadt oder Region mittlerweile seine eigene Afrobeat Truppe hat (oder zumindest haben sollte.) OK, grosser Nachteil: die Bands sind oft sehr gross. Auf der Bühne hier in Martigny stehen 16 MusikerInnen. Es wird eng.

 

Ihr Repertoire: die Songs der Kuti-Familie. Es ist einmal mehr auffällig, dass diese Grooves, und ihre Aussagen z.b. „Water No Get Enemy“, sehr gut altern. Aus dem reichhaltigen Repertoire haben die Enthusiasten Songs ausgewählt, die vom Inhalt her – Soziales und Umwelttechnisches – auch in unserer Gesellschaft passen, und leider nicht an Aktualität verloren haben. Der Groove stimmt, die Interpretation solid. Doch Afrobeat ist nicht nur ein Musikstil sondern eine Haltung: Wenn Afrobeat zur reinen Groove Transport Maschine benutzt wird, verliert er an Power. Dieses Konzert hätte eindeutig mehr Publikum verdient, doch leider muss man sagen: Es gab Publikum – so weit die Schatten reichten, denn die Sonne brannte unbarmherzig.

Sahel

Sahel ist ein Singer-Songwriter aus Genf mit Hang zu französischem Pop, Bossa Nova und dem Schmelz von französischen Filmsoundtracks. Im Laufe des Konzerts tauchen in meinen Synapsen immer wieder Assoziationen zum Werk von Michel Legrand auf. Nach einigen Songs wird leider das Strickmuster der Kompositionen etwas zu deutlich. Man wünschte sich mehr Arrangement.

 

In einer Moderation kommt dann die Erklärung, meint doch Sahel: «Eigentlich hätten wir hier auf der Bühne noch ein ganzes Orchester. Aber unser Rechner leidet, genau wie ihr, unter der Hitze. Er hat den Geist aufgegeben.» Und damit fehlen leider auch die Kleider für das Repertoire. Doch die drei Musiker auf der Bühne nehmen es locker, das Publikum auch, und der Applaus wird deswegen nicht kleiner.

Meimuna

 

Die Singer-Songwriterin Meimuna stammt ebenfalls aus der Gegend und ist in der Abteilung gehauchte Philosophie zuhause. Die Chansons haben, einzeln für sich genommen, Streichel-Potential. In der Gesamtheit des Konzert macht sich aber eher Melancholie und ein bisschen Lethargie breit. Doch Meimuna hat hier eine treue Fangemeinde. Die Stuhlreihen füllen sich, sobald aufziehende Gewitterwolken die himmlische Heizung etwas zurückdrehen.

Doch wie sagte die Sängerin: «Wir spielen ganz selten an OpenAirs. Ich habe auch nicht die besten Erinnerungen an die beiden letzten Auftritte – beide Male kam während des Konzerts der Regen. Sagt’s, und knapp vor Ende des Konzerts öffne sich die Wolken….

ZanmiFanmi

 

Von so einem bisschen Regen lässt sich ein Paul Beaubrun aber nicht die Laune verderben, und erst recht nicht sein Perkussionist. Die beiden legen sich, unterstützt von einem DJ /Computer-Musiker, mächtig ins Zeug. Das Ganze segelt unter dem Namen «ZanmiFanmi». Als derselbe Groove dann aber nach acht Minuten oder etwas mehr kein Ende und keine Variation findet, erlahmt die Anfangseuphorie. Im Weiteren sollte sich zeigen, dass Paul nicht wirklich Interesse an Songs hat. Sein Ding sind Singspiele mit dem Publikum und das Bad in der Menge. So werden die Grooves etwas stark über die Zeit gedehnt. Da hilft auch die tänzerische Leistung nichts, wenn man das Gefühl hat, dass der Mann seine Bühnenzeit mit sechs Songs überbrücken will.

Es werden dann doch noch ein paar mehr. Erstaunlich, denn eigentlich sollte Paul Beaubrun sein Metier als Songschreiber beherrschen: seine Eltern waren immerhin Kern einer der wichtigsten Bands Haitis in den 80er Jahren: Boukman Eksperyans. Doch all diese Erinnerungen helfen nicht, wenn die Stimmung, die Spannung zusammenbricht. Die Rettung kommt dank Bob Marley und einem Cover von No Woman, no Cry. Doch da hat dann Mr. Beaubrun die Gitarrenakkorde nicht im Griff… Ay Bobo.

KOM‘IN

 

Theatralischer Auftritt von drei maskierten Herren und einer tanzenden, maskierten Dame auf der kleinsten Bühne. Ihr Bandname: KOM’IN. Ihr Ziel: etwas südamerikanische Psychedelik ins Programm zu schmuggeln. Es wurde dann leider nicht so spannend wie angekündigt. Der Bauplan der Songs: eine deftige, digitale Basspauke wird begleitet von analogen Trommeln, von Schlägen auf Congas und Djembes. Darüber spielt ein jazziges Saxophon leicht fahrige Melodien. Der Saxophonist betätigt sich auch als Rapper.

 

Insgesamt kommt die angestrebte Psychedelik nicht zum Zug. Doch das stört die tanzenden Frauen nicht – ja, fast ausschließlich Frauen wiegen sich im Beat der Basspauke vor der Bühne. Rhythmik auf Trommeln macht leider noch keinen Rhythmus.

Northern Resonance

 

Viele Saiten für das schwedische Trio Northern Resonance: Neun Saiten allein für die Hardanger Fiddle – wobei fünf davon Resonanzsaiten sind – etwa zehn Saiten für die Viola d’Amore – auch hier die Hälfte Resonanzsaiten – und zwölf Saiten auf der Gitarre, die aber gestimmt ist wie ein Streichinstrument. Da kann man nur Geigenmusik machen. Und das ist auch das Markenzeichen des Trios: Kompositionen, die gerne nach einer etwas elegischen Einführung in Tanzrhythmen springen. Die Geigen übernehmen die Melodieführung, die Gitarre bringt viel rhythmischen Schub in die Kompositionen.

 

Wer jetzt in den Streaming-Kanälen nach Northern Resonance sucht wird dort nicht das finden, was auf der Bühne in Martigny geboten wurde. Die 12-saitigen Gitarre wurde nämlich erst dieses Jahr Teil des Trios. Und ein wichtiger Teil des Auftritts wird dort garantiert nicht zu finden sein: Die drei sind nicht nur Musiker, die ihre Kompositionen aus dem grossen Ideen-Fundus der nordischen, traditionellen Musik schöpfen, sondern auch wortgewandte Geschichtenerzähler. Man erfährt, wie, wo und warum die Songs entstanden sind – und manchmal sind diese Geschichten fast so lang wie die anschliessenden Interpretationen. Ein nordischer Auftritt, der die vielen Zuhörerinnen und Zuschauer in sehr guter Erinnerung bleiben wird.

La Dame Blanche

Ein gänzlich anders klingendes Trio sorgte in Martigny für den Abschluss dieses Konzerttages. Die rappende, singende, Querflöte-spielende, tanzende Zentralfigur ist die Kubanerin Yaïté Ramos Rodriguez a.k.a. La Dame Blanche. Wohl stehen der schubkräftige Schlagwerker Valentin Provendier, und Marc Damblé mit Gitarre und Computer mit der Sängerin auf der Bühne, doch die Frontfrau reisst die Show. Denn was die Dame an Energie während des Konzerts verschleudert, reicht für ein Normalleben wohl beinahe einen Monat.

 

Es ist denn auch diese Energie, welche überzeugt, nicht zwingend die Songs. Diese beruhen auf Versatzstücken aus Kumbia, Flamenco, Latin-Pop, aus Riffs und Melodiefetzen, die, in Loops gelegt, der Sängerin die Möglichkeit geben, ihre Geschichten zu erzählen, zu singen, zu rappen, zu theatern, zu keifen und zu lamentieren. Eines kann diese Musikerin leider nicht: ihre Songs findet selten ein komponiertes Ende, sondern wirken wie abgeschnitten. Energie verbraucht, nächste Idee, sofort. Wie ein Wisch auf dem Handy. Das Publikum ist begeistert, und auch ein bisschen erschöpft.

La Dame Balnche @Les Cinq Continents Martigny 2026

 

Das kurze Gewitter am Vorabend hat die Luft etwas gereinigt, das Publikum geht trotzdem leicht verschwitzt aber zufrieden nach Hause. Oder genehmigt sich noch ein Glas oder einen Becher an einer der vier grossen Bars auf dem Gelände.

Les Cinq Continents 2026 – der Freitag

 

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