Die Anfahrt ans Festival Les Cinq Continents in Martigny war wegen der Hitze von gröberen Zugpannen begleitet. Die Züge, die noch fuhren, waren überfüllt und verspätet, die Leute leicht genervt und zickig.
Erleichtert war ich erst, als ich den Festplatz im Herzen der kleinen Stadt am Rhoneknie erreichte: lachende Gesichter, Kinderscharen, die sich mit Wasserpistolen durch die Menge jagten (inkl. nasse «Querschläger»), Händlerinnen, die mit den Füssen im Wassereimer (kann man nachfühlen) auf Kundschaft warteten; grosse Bars und noch grössere Küchenmeilen: die 17 kulturellen Gemeinschaften, die in Martigny leben – von Kambodscha bis zu den Kapverden, vom Senegal bis nach Syrien – kochen ihre Lieblingsmenues. Das sommerliche Stadtfest wird musikalisch umrahmt, getreu dem Festival-Namen «Les Cinq Continents»: Die Bands kommen aus Korea, Südafrika, Estland, Kuba oder Haiti, verstärkt durch viele Formationen von Secondos aus der Romandie. Oder durch Gäste aus der Urschweiz:
Der Einzig und dr Andr
Der Einzig und dr Andr aus der Innerschweiz aus Uri vertonen Geistergeschichten, Beobachtungen und Selbsterlebtes. Melodien, gerne dreistimmig gesungen, und schmunzelnde Moderationen – wui, le Fronsä federal a gonmäm son propre Scharm. Die Mundartlieder sind eher auf der ruhigeren Seite angelegt. Was nicht ganz optimal ist für den Auftritt, denn das Publikum ist gerade mal am ein-festen und bringt den langen Atem nicht mit, den es für die manchmal sehr ausgebreiteten Arrangements braucht.
Alles dargeboten mit einem interessanten Instrumentarium : Banjo, Mandoline, Ukulele, Gitarren, (wobei der Gitarrist immer einen Fuß am Cajon-Pedal hat), und Bass mal mit, mal ohne Strom.
Melina
Griechisch geht es weiter auf der Hauptbühne mit Melina. Der Auftakt klingt nach Mittelmeer und Rembetiko. In den ersten Songs begleitet sich die Seconda aus Frankreich auf einer Oud: Klagelieder aus der Ägäis und Kleinasien. Ihr Instrument legt sie jedoch bald weg um etwas mehr Tanzfreiheit zu haben. Denn jetzt ist die Band vollzählig: zwei Keyboards, grosse Perkussion-Landschaft, und immer mal wieder die Oud. Auch kommt eine tüchtige Portion Pop hinzu, und die Melodien wandern in Richtung Balkan oder noch weiter nach Osten.
Die Synthesizer übernehmen das Klangszepter, der Schlagwerker wird vom Begleiter um Antreiber. Damit nicht alles zu glatt, zu nett wirkt, führen die Kompositionen auch mal in eine Dissonanz, und es darf auch mal scheppern. Im Verlauf des Konzerts nimmt die Stimmung Fahrt auf, und die Band wirkt kompakter. Viel Applaus.
Duo Ruut
Ganz anders der Auftritt des Duo Ruut aus Estland. Die beiden Sängerinnen, die sich eine Zither teilen, wissen genau, wie man einen ruhigen Auftritt in sprudelnder Festlaune-Umgebung angeht: mit viel Selbstvertrauen. Sie haben Europa mehrfach durchquert, um die Melodien, die nach Norden, nach Natur und nach Weite klingen einem interessierten Publikum zu präsentieren.
Erfreulich, dass das Publikum hier in Martigny sich auf die Musik einlässt. Die Gespräche vor der Bühne werden leiser, verstummen. Und selbst die normalerweise sich kreischend jagende Kinderschar wird ruhig. Liegt im brauenden, weil verbrannten Rasen, und hört zu. Die zweistimmigen, archaisch wirkenden Songs, die unkonventionelle Handhabung des Instruments, die Konzentration der Sängerinnen entwickeln einen Sog, der Zuhören zum Erlebnis macht.
Hilgeum
Das Trio Hilgeum aus Südkorea bringt eine Hand voller Eigenkompositionen, welche die drei traditionellen Instrumente in ein ganz anderes Klangfeld schieben. Wer vielleicht dal:um im Ohr hat, muss umdenken. Denn hier geht weniger um Minimal music Anleihen, sondern um die Suche nach neuen Klangkombinationen. Oder wie eine der Instrumentalistinnen sagte: «I hope you like our Sound».
Die Stücke sind sehr rhythmisch und dynamisch aufgebaut, spielen weniger mit Melodie-Schichten, sondern mit Lautstärke, Tempiwechseln und Loops – ohne Loopstation! Die in die Instrumente eingebauten Tonabnehmer machen die Saiten-Instrumente auch zu Perkussionsgeräten, denn das Bambusstäbchen, mit dem die Saiten z.B. des Geomungo, der Basszitter, angeschlagen werden, knallt gerne mit Vehemenz auf den Resonanzkörper. Das klingt wie Peitschenhiebe. Das Gayageum und die zweisaitige Geige Haegeum sorgen für Melodien, die bis weit in die Dissonanzen hinein reichen. Trotz Exotik und Klangfremde: dem Publikum gefällt’s sehr.
Congo Cowboys
Festhütten Grooves gab‘s dann mit den Congo Cowboys aus Südafrika. Das klang von der Bühne wie ein Amalgam aus Country Licks, Bluegrass-Swing, Rock-Grooves und Cowboy-Yodel. Lustigerweise schleicht sich auch mal eine Portion australischer Aborigines-Groove ein. Zuweilen taucht ein bekannter Song auf: Jolene z.B oder Cotton Eye Joe. Oder eine Eigenkomposition, die in dieselbe Form gegossen wurde wie einst House of the Rising Sun – wär’s nicht so erfrischend frech abgekupfert, es würde wohl eingeklagt werden.
Ansonsten lebt das Repertoire von solidem Quartenbass, einem gut getimeten Schlagwerk und der Arbeitsteilung von Gitarre und Banjo. Zwischendurch gibt’s zusätzliche Flötentöne wie aus einem Western.
Während vor den Verkaufsständen die Kundschaft seltener wird, die Küchen noch zu verkaufen versuchen, was in den Pfannen brutzelt, teilt sich das Publikum in Drittel auf. Das erste schwingt seine Hüfte vor der Bühne, das zweite steht an einer der grossen Bars – wir sind im Wallis, und es ist immer noch sehr heiss! – während das letze, und wahrscheinlich grösste Drittel, sich an den vielen Festtischen mit all den Bekannten unterhält, die man schon lange nicht mehr gesehen oder gesprochen hat. Es zeigt sich der Kern dieses Festivals: es ist ein Stadtfest, mit Musik aus allen Ecken des Planeten.
Sami Galbi
Zum Schluss gibt’s noch die Party für die Junggebliebenen, mit dem Star aus der Region: Sami Galbi bringt seinen animierenden Electro-Rai auf die kleinste Bühne des Festival. Der Secondo mit marokkanischen Wurzeln hüllt seinen Raï und Chaâbi in eine kräftig arbeitenden Elektro-Wolke aus dem Rechner. Das Trio schafft es, dass die Rechner nie die Präsenz der Musiker überschatten. Die Energie von Sami und seinen Mitstreitern bewirkt, dass das Publikum auch bis weit über Mitternacht hinaus das Tanzbein schwingt.
Les Cinq Continents 2026 – Der Samstag











