Es ist unmöglich, alles zu sehen und zu hören am Les Suds à Arles. Zum Glück erfährt man über Mittag, was man verpasst hat. Oder nicht verpassen sollte.
Zum Beispiel habe ich es noch nie geschafft, ein Morgenkonzert im Club Crosière zu sehen, zu hören. Die Konzerte sind gratis, und immer hoffnungslos überlaufen. Pech für mich, gut für die Musik. Einige Musiker konnte ich auch schon bei anderer Gelegenheit sehen, z.B. Ablaye Cissoko und Cyrille Brotto.
Das koreanische Duo Dal:um gab über Mittag einen kurzen Vorgeschmack auf das, was am frühen Abend im Hof des Erzbischofpalasts zu hören sein würde.
Wirklich verpasst habe ich Maqx am Abend zuvor. Ein leicht verrückt-verschrobenes Duo: die Beats kommen aus dem Rechner, es wird gesungen, geflötet, Dudelsack und seltsame Hörner geblasen. Vor allem aber das Publikum animiert, mit skurrilen Showeinlagen bis hin zum Slapstick. Ein halber Song genügt meistens, und schon beginnt die Polonaise. Turbulent witzig.
Dal:um
Die beiden Koreanerinnen genossen es sichtlich, einmal in einem Openair-Konzertsaal zu spielen, mit aufmerksamem Publikum, das wegen der Musik gekommen war. Die beiden hatten so die Möglichkeit auch die leisen Töne aus ihren Zithern zum klingen zu bringen.
Ha Suyean und Hwang Hyeyoung spielen auf zwei koreanischen Zithern, die in der Tradition ihrer Heimat eigentlich nicht zusammen gespielt werden. Zudem haben die Musikerinnen ihre Instrumente jeweils um fast das Doppelte an Saiten vergrößert. Der Grund ist einfach: Normalerweise reisen Musikerinnen mit zwei Zithern, was bei größeren Tourneen nicht sehr praktisch ist. Also haben sie jeweils zwei Instrumente bautechnisch zu einem fusioniert.
Solche Geschichten erfährt man zwischen den Stücken. Denn wo wir im Westen Dur, Moll und andere Tonleitern kennen, arbeiten die Koreanerinnen mit Stimmungen. Das kann bei 24 Saiten schon mal etwas dauern. Während die eine am stimmen ist, übernimmt die andere die Erklärung.
Die Stücke der beiden nehmen vereinzelt Melodienfetzen aus der eigenen Tradition auf, haben sich aber sehr in den Kompositionstechniken von Minimal Music Komponisten wie Steve Reich oder Philip Glass geschult und geschliffen. Es sind Klangfäden, welche die beiden über Zeit zu dichten Teppichen verweben. Meditative Komposition mit einigen ungewohnten Harmonien; eine klang-harmonische Erfrischung.
Piers Faccini & Ballaké Sissoko
So klingt Freundschaft. Die beiden Ausnahmemusiker kennen sich seit rund zwei Jahrzehnten. Immer wieder luden sie sich für verschiedenste Projekte gegenseitig ins Studio ein, aber erst jetzt entstand ein gemeinsames Album. Es ist auch der Auftritt zweier Charismatiker. Die beiden wirken magnetisch auf das Publikum, das sich an diesem Abend aus der Hektik dees Alltags herauslöst, und den stillen Liedern der beiden folgt.
Das Repertoire besteht aus den Songs ihres ersten gemeinsamen Albums, das vor einigen Monaten erschienen ist: Our Calling. Es sind Lieder, mehrheitlich in Englisch gesungen, aber komponiert auf die Kora und die Harmonien der Mandika Westafrikas. Im Interview am Folgetag wird mir Piers erklären:
In den letzen 20 Jahren hat sich Ballaké mit seiner Kora immer auf mich, auf uns Westeuropäer zu bewegt. Ich wollte es für das Album umdrehen, und bewegte mich auf ihn, auf seine Harmonien, auf seine Kultur zu.
Gar nicht so schwierig, wenn man sich in der Technik der modalen Musik auskennt. Denn die europäische Musikkultur nutzte vor allem, aber nicht nur im kirchlichen Umfeld Tonleiter-Strukturen, die sich sehr gut in die Melodienwelt Westafrikas einfügen können – wenn man das dann weiss und kann. Und Faccini kennt sich da bestens aus.
Das Publikum – mit 2500 Gästen war das Amphitheater in Arles ausverkauft – folgte äusserst aufmerksam und schweigend den beiden Musiker bis in die leisesten Klanggirlanden. Eine Seltenheit in einer doch recht redseligen Gesellschaft. Es war ein Konzert, bei dem die Kraft der Musik nicht in Lautstärke, sondern in Intensität und Konzentration von Musikern und Publikum gemessen wurde. Absolut überwältigend.
Salif Keïta
Ganz anders Salif Keïta. Je weiter das Konzert fortschritt, umso härter der Anschlag der Saiteninstrumente seiner Mitstreiter. Es war wie der Kampf zwischen den Liedern und dem Wunsch, diese akustischen Interpretation für Tanzwillige aufzubohren. Zwischendurch machte es den Eindruck, als sollten die Songs von Salif Keïta in Rockversionen umgewandelt werden. Nur die durchbrochenen Rhythmen der Lieder bewahrten die Arrangements vor diesem Fehler.
Sehr eindrücklich war der Einstieg in das Konzert. Der alte Mann – Keïta ist 76jährig! – wird auf seinen Stuhl begleitet und bestreitet die ersten beiden Songs ganz alleine. Nach zwei Strophen ist der Mann bei Stimme, und die wird im Laufe des Konzerts nur noch stärker, klarer. Auch verfügt er über ein Repertoire, das über Jahrzehnte gewachsen ist. Einen Eindruck von was man hätte hören können vermitteln die Aufnahmen auf Keïtas letzter «So Kono». Doch es kam anders.
Wie sagte der Labelchef von No Format, Laurent Bizot, der mitverantwortlich war, dass Keïta sich überhaupt auf ein akustisches Konzept einliess, zu Beginn des Abends? Er erzählte: «Salif sagte immer: ich und alleine auf der Gitarre? Auf keinen Fall! Die Leute wollen doch Spaß haben, wollen tanzen.» Man darf die CD nicht mit diesem Konzert vergleichen. Im Konzert, und mit den Arrangements von Gitarrist Kante Djessou Mory, agierten die akustischen Instrumente, als müssten sie Festhütten-Stimmung erzwingen.
Das Publikum hatte Spaß an den gerockten Versionen. Aber wer die stillen Aufnahmen der CD kennt, schüttelte zuweilen den Kopf. Die Songs hätten eigentlich genügend Rhythmus in sich, um sich selbst zu behaupten, aber sie wurden durch den Beat der Arrangements zertrampelt. Schade.
Die Übersicht über die Berichte vom Les Suds à Arles 2025
Montag 14. Juli : Mandy Lerouge, u.a.
Dienstag, 15. Juli: Seu Jorge, Stick in the Wheels u.a.
Mittwoch, 16. Juli: Dal:um, Piers Faccini & Ballaké Sissoko, Salif Keïta u.a.
Donnerstag 17. Juli: Yom, Birds on a Wire, Yerai Cortés u.a.
Freitag, 18. Juli: Quatuor Rokh, Nagash Ensemble of Armenia, Le Trio Joubran, u.a.













