Der fünfte Tag am Festival Les Suds à Arles ist vor allem den musikalischen Traditionen des Nahen Osten gewidmet: Armenien, Persien, Palästina.
Der Reihe nach und in der mittäglichen Vorschau: Das Quatuor Rokh, das zwischenzeitlich auch zu einem Quintuor werden kann, wird am frühen Abend die kulturelle Vielfalt Persiens zum klingen bringen. Denn die Kulturlandschaft Persiens ist viel grösser als der geografische Iran.
Vom griechische Trio Elektre ist am Mittag erst ein Duo in Arles angekommen. Doch sie geben schon einen Vorgeschmack auf das, was am Vorabend zu hören sein wird. Bemerkenswert ist auch die Beobachtung, dass Löffel als Rhythmusinstrument weltweit eingesetzt werden.
Wieder ein Künstler, dessen Auftritt ich verpasst habe: Ahamada Smis brachte mit seinen Melodien und Instrumenten eine klingende Postkarte von den Komoren nach Arles.
Yom hatte ja am Vorabend ein Konzert gegeben, bei dem er im Trio eine kulturelle Meditation zelebrierte. Die CD «le rythme du silence» wird im Herbst erscheinen, und das nächste Projekt mit dieser Trio-Besetzung ist am wachsen. Gleichzeitig tüftelt er mit seiner Klarinette an einer spektakuläre Spieltechnik. Dank der Beherrschung der Zirkularatmung und stupender Fingertechnik will er die Klarinette von einem monophonen, also einem ein Ein-Klang-Instrument, in ein polyphones Instrument, ein Mehrklang-Instrument verwandeln. Klanglich ist das dann in etwa verwandt mit der Fingerpicking-Technik auf der Gitarre. Eine Fingersatz-technische Meisterleistung! Der Reporter kann dank dieses kurzen Klang-Beispiels von Yom bezeugen: er ist auf gutem Weg dorthin.
Elektre
Mittlerweile ist auch die dritte Musikerin des Trio Electre in Arles eingetroffen. Von der Bühne des Place Voltaire klingt es jetzt sehr griechisch. Etwas bösartig könnte behaupten, dass das Trio gut auch Elektro heissen könnte, denn neben den Stimmen, einer Gitarre und einer Bouzouki, laufen zuweilen fett produzierte Rhythmus-Tracks aus dem Rechner mit.
Der Groove und die Stimmung des Rembetiko liefern die Blaupause für die Kompositionen von Elektre. Doch will man nicht in die Schwermut dieses Musikstils verfallen, deshalb die Dancefloor-Grooves. Sie sind zuweilen etwas sehr Klang beherrschend und werten die Arbeit des Trios auf der Bühne manchmal etwas ab. Doch dem tanzfreudigen Publikum gefällts.
Elektre geben denn auch Anweisungen, wie zu diesem oder jenem Song getanzt werden könnte. Es entsteht so was wie ein griechischer Bal (siehe dazu den Bericht vom Montag). Und wenn’s ganz komplex wird steigen die Sängerinnen selber ins Publikum und führen die Tanzreihen persönlich und singend an.
Quatuor / Quintuor Rokh
Die Musik: Kulturraum Persien, interpretiert von einem Quartett, das zuweilen zu einem Quintett mutiert. Alles eine Frage der Termine, und der anstehenden Projekte. Die meisten Musiker und Musikerinnen leben auch heute in Teheran, haben dort ihre Ausbildungen genossen und unterrichten heute selber. Ihre musikalischen Einflüsse und Recherchen führten sie in alle umliegenden Länder, denn die persische Kultur ist ein Schmelztiegel der Einflüsse vom Ural bis Nordindien und Ägypten.
Viele Eroberer wollten sich über die Jahrhunderte das Kernland einverleiben – sie und ihre jeweilige Musikkultur wurde assimiliert, aufgesogen. Die Musikerinnen und Musiker des Ensemble Rokh schöpfen also aus ganz unterschiedlichen Quellen.
Das Konzert ist ein poetischer Spaziergang aus der Vergangenheit in die Gegenwart, denn die Musiker von heute machen es nicht anders als ihre Vorgänger: sie assimilieren die Vergangenheit, was da ist, und schaffen daraus Neues.
Naghash Ensemble of Armenia
Das Naghash Ensemble erhielt seinen Namen durch den Priester und Dichter Mkrtish Naghash. Er lebte im 15 Jh. und sein Haupthema war: leben im Exil. John Hodian, Pianist, Komponist und selber armenischer Abstammung, fahndete nach allen Gedichten dieses seltsamen Mannes. Er fand 15. Was das Ensemble auf die Bühne bringt ist also die moderne Vertonung von alten Gedanken mit alten, klassischen Harmonien aber neuzeitlichen Arrangements.
Der Fokus der Kompositionen ist ganz auf die drei Sängerinnen gerichtet. Oud, Duduk und Perkussion sind hier ausschliesslich begleitende Instrumente. Selbst der Komponist am Piano nutzt sein Instrument mehr als Dirigentenstab und Dynamik-Unterstreicher. Die Stimmen, in Harmonien wie Dissonanzen, erzählen Geschichten.
Obwohl nur wenige Menschen auf den Steinstufen des Amphitheaters armenisch sprechen, sind diese Geschichten sehr anschaulich und farbig – wenn man ein bisschen Vorstellungskraft mitbringt.
Le Trio Joubran
Das politische Statement des Tages kommt von Samir Joubran, dem ältesten der drei Oud spielenden Joubran-Brüder:
Wir kommen nicht als palästinensische Musiker hierher, sondern als Musiker aus Palästina. Die Unterscheidung ist wichtig, denn wir wollen nicht als Opfer gesehen werden, auch nicht als Helden, sondern als Menschen.
Die Formel des heutigen Konzert 1+2+3+4. Eine Stimme, die im Laufe des Abends immer wieder auftaucht, resp. eingespielt wird, ist jene des palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish. Und die Erinnerung an ihn an diesem Ort, denn 3 Tage nach dem Konzert des Trios mit Mahmud Darwisch auf eben dieser Bühne in Arles 2008, reiste der Dichter in die USA für einen schweren chirurgischen Eingriff, an dessen Folgen er leider starb.
Die 2 steht für die beiden Perkussionisten, die 3 natürlich für das Trio selber, und die 4 für das Streichquartett. Das Trio Joubran kam also sehr ausgebaut auf die Bühne. Das war spannend zu hören, hatte aber auch seine Tücken. Denn in einer Grossformation herrscht nicht dieselbe Dynamik in den Kompositionen, weil zehn eben nicht so agil sind wie drei. Und in etwas gar dicht gewobenen Stellen wurde der Sound etwas mastig und intransparent.
Es hat aber auch Vorteile, denn die Begleitung des Kammerorchesters liess den drei brillanten Oud-Spielern mehr Freiheit. Die nutzten sie in ausführlichen Duett und Solo-Ausflügen.
Das Trio und das Publikum von Arles sind alte Bekannte. Schon vier mal standen sie in Arles auf der Bühne. So kamen Orchester, Solisten und Publikum richtig in Fahrt, als die drei Ouds Melodien aus älteren Aufnahmen wie «Majaz» oder «AsFâr» anspielten.
Nach den letzten Klängen sah man darum sowohl auf der Bühne wie auf den Rängen lauter strahlende Gesichter. Und hörte ein gemeinsames, letztes Statement: Free Palestine.
Die Übersicht über die Berichte vom Les Suds à Arles 2025
Montag 14. Juli : Mandy Lerouge, u.a.
Dienstag, 15. Juli: Seu Jorge, Stick in the Wheels u.a.
Mittwoch, 16. Juli: Dal:um, Piers Faccini & Ballaké Sissoko, Salif Keïta u.a.
Donnerstag 17. Juli: Yom, Birds on a Wire, Yerai Cortés u.a.
Freitag, 18. Juli: Quatuor Rokh, Nagash Ensemble of Armenia, Le Trio Joubran, u.a.

















