Les Suds à Arles 2025 – Sechster Tag

Am letzten Konzerttag von Les Suds à Arles ist alles ein bisschen anders im Tagesablauf. Tagsüber werden in den Parks und auf den Plätzen Ergebnisse aus den Workshops vorgestellt. Die drei Abendkonzerte bleiben, die InterpretInnen kommen aus Venezuela, der Schweiz und Holland.

Mittags schaffte ich es doch noch, einen Interpreten in der Mittäglichen Siesta zu hören: Sam Karpienia. Der Poet aus Marseille mit seiner Reibeisenstimme ist einer der Leuchttürme der lokalen, okzitanischen Musikszene.

Musikalisch ist Karpienia weit über Südfrankreich hinaus gereist, er lebte und forschte auch eine Zeitlang im Libanon. Ein Songschreiber der herzlich-rauen Art. Immer wieder schön, ihn zu erleben.

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Rebecca Roger Cruz

Rebecca Roger Cruz kommt aus Venezuela, hat in Lyon ihre neue Heimat gefunden, und bringt Latin- und Andenklänge nach Arles. Sie ist eine „alte“ Freundin des Festivals, stand sie doch mit der Formation Aa’in schon 2022 auf der Bühne auf dem Platz Voltaire, und mit Parranda La Cruz 2023 auf der Hauptbühne im Amphitheater. Bei ihrem neuen Projekt, für das sie mit ihrem eigenen Namen zeichnet, ist allerdings etwas im Gesamtkonzept in Schieflage geraten. Die Sängerin und Komponistin verlässt sich nicht mehr auf die Kraft der Melodien, sie will mehr. Sie will Kunst, ist Diva.

Kaum hat sich ein Rhythmus etwas eingeschliffen, zwingt die Komponistin sie im Arrangement ins Stolpern. Wenn die Melodien gerade nach einem Refrain verlangen, werden sie auf teilweise nicht sehr harmonische Abwege geführt. Die Geige darf schreien, das Cello muss kratzen. Handelt der Song vom Teufel muss vorher noch ein Ritual durchgeführt werden.

Es ist überall etwas zu viel drin: Zu viel Drama, zu viel Inszenierung, zu viel Theatralik und zu wenig Freiheit und Natürlichkeit für Musik und Stimme – denn singen kann die Frau.

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Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp

Die 12-köpfige Grossformation mit Standort Genf ist ein logistisches und musikalisches Unikum. Sie stilistisch beschreiben zu wollen ziemlich unmöglich. Sie live zu erleben bietet einen viel direkteren Zugang zum verschachtelten Sound und Groove der Truppe, als dies via Tonträger möglich ist. Das aktuelle Repertoire von «Ventre Unique» steht im Zentrum des Konzerts.

Der Sound der Truppe wird in der Live-Situation transparenter. Zwei Schlagwerker und der Bass von Bandleader Vincent Bertholet sind der Motor der Band.

Zwei Marimbas umarmen zwei Streicher, zwei Hörner, zwei Gitarren und eine Sängerin. Wer als MusikerIn gerade nicht im Einsatz ist, setzt sich auf den Boden. Dadurch wird auch visuell die Komplexität aufgebrochen – man erhält etwas mehr Überblick.

Die Grooves drängen immer nach vorne, Gemütlichkeit ist nicht Sache der Band, Dringlichkeit ist angesagt. Die Band ist sehr gut eingespielt, auch weil sie gerade von einer Tournee aus den USA und Kanada zurückkommen. Ich kann mir die Logistik einer Tour mit so vielen Leuten kaum vorstellen. Die Band ist gerade so gross, dass sie noch in zwei Kleinbusse passt, wachsen darf sie im Moment nicht. Denn einen wichtigen Teil ihres Musikerlebens wollen die Musikern nicht aufgeben: Reisen, Menschen kennenlernen.

Ich für meinen Teil bin sehr froh, die Truppe mal live erlebt zu haben – sie haben mir einen frischen Zugang zu ihrer komplexen Musikwelt geöffnet.

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De Kift

Alter schützt vor Charme, Schalk und Punk nicht. Seit über 35 Jahre ist die holländische Truppe De Kift zwischen Rock mit Punk Energie, Poesie zwischen Dada und philosophischer Lebensbetrachtung, mit viel Lebens- und Spielfreude unterwegs.

Sänger und Trompeter Ferry Heijne ist ein Zampano des Rock’n’Roll-Kabaretts, Kollegin Roos Janssens zuständig für Schmelz und exzellente Saxophon-Arbeit. Eine eingeschworene Truppe, in der jeder und jede den eigenen Sound pflegt. Gemeinsam wird’s zu einem Klangerlebnis irgendwo zwischen Element of Crime und Tom Waits, zwischen abgeschossenem Samt und verrauchter Spelunke.

In 35 Bühnenjahren und 15 Studio-Einspielungen ist ein reiches Repertoire zusammengekommen. De Kift spielen Highlights aus der gemeinsamen Zeit mit jugendlichem Enthusiasmus, den man bei diesen grauen (oder fehlenden) Haaren nicht erwartet hätte.

Gefühlte 99,5% des Publikums haben wohl vor diesem Auftritt noch nie was von der Band gehört. Gefühlte 99,5% der Anwesenden werden diese Truppe aber in bester Erinnerung behalten. Denn mit ihrem Mix aus Charme und Rock, aus positiver Energie und Lebenslust haben sie Arles im Sturm erobert.

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Die Übersicht über die Berichte vom Les Suds à Arles 2025

Montag 14. Juli : Mandy Lerouge, u.a.

Dienstag, 15. Juli: Seu Jorge, Stick in the Wheels u.a.

Mittwoch, 16. Juli: Dal:um, Piers Faccini & Ballaké Sissoko, Salif Keïta u.a.

Donnerstag 17. Juli: Yom, Birds on a Wire, Yerai Cortés u.a.

Freitag, 18. Juli: Quatuor Rokh, Nagash Ensemble of Armenia, Le Trio Joubran, u.a.

Samstag, 19. Juli: Sam Karpienia, Rebecca Roger Druz, Orchestre Tour Puissant Marcel Duchamp, De Kift

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