Les Suds à Arles 2025 – Zweiter Tag

Über Mittag gibt das Festival Les Suds à Arles im lauschigen Garten des Espace Van Gogh jeweils eine Vorschau über das Tagesprogramm. Da sah ich auch einen kurzen Auftritt von Leï. Zwei ganz junge Sängerinnen, die ein Repertoire aus dem gesamten Mittelmeer gesammelt haben. Grundthema: Wasser. Klare Stimmen, ohne Verzierungen, ungekünstelt aber kunstvoll.

Leï

An diesen Tagesübersichten geben auch Interpretinnen und Bands einen Vorgeschmack auf das, was am Abend auf den grossen Bühnen zu sehen und hören sein wird.

Stick in the Wheel am Les Suds a Arles 2025

Hier die politischen Folkrocker aus London «Stick in the Wheel». Diese Kurzauftritte sind auch die Möglichkeit, einige Musiker wenigstens für ein, zwei Songs zu erleben, denn die Abendkonzerte am Suds à Arles sind grösstenteils ausverkauft.

Poplitê am Les Suds a Arles 2025

 

Poplitê

Abends ist auf dem Place Voltaire jeweils die Region zu Gast. An diesem Abend mit Poplitê und ihrem a capella Repertoire. Wird in dieser Gegend vor allem das okzitanische Liederbuch gepflegt, halten sich die Damen von Poplitê nur streckenweise daran. Gesungen wird, was getanzt werden kann. Sambas und ähnliche Grooves passen da bestens dazu. Singen, tanzen, Spass haben ist das Motto.

Walid Ben Selim & Raül Refree

Ein spezielles, ruhiges Konzert-Format gibts es jeweils am frühen Abend: Les moments précieux. Hier gibt es Konzerte, welche Ruhe benötigen, Konzentration für Interpreten und Zuhörende. Die Musik der hier Auftretenden wäre im Trubel und dem Geschwätz rund um die grossen Bühnen verloren. So trafen im Innenhof des Bischofspalastes zwei Interpreten aufeinander, die zum weiteren, kreativen Satellitenring des Festvals gehören: Walid Ben Selim mit seinen Gedichten und der Produzent und Klangmaler Raül Refree. Beide Musiker sind bekannt dafür, dass sie ihre Stücke während der Live-Situation wachsen lassen, das Konzert der Studiosession vorziehen. (Dazu mehr im Podcast mit Walid Ben Selim: «Das Gedicht bestimmt die Interpretation»)

Refree hatte ein Gitarre auf der Bühne, und seinen Flügel. Zuweilen spielte er beide Instrumente gleichzeitig. Ben Selim hatte seine Gedicht-Sammlung aus allen Jahrhunderten bis ins tiefe Mittelalter zusammen getragen. Die Strukturen der Interpretationen haben die beiden im Vorfeld zusammen erarbeitet, die Dynamik des Auftritts holen sie sich aus dem Moment. Wobei zu sagen ist, dass diese Dynamik vor allem im einzelnen Gedicht auf- und abgebaut wird. Die Gedichte fordern oft ein Crescendo. Über das ganze Set gesehen aber fehlte es an Dramaturgie. Es war eine zelebrierte, gesungene Gedichtkette. Die Begleitung von Raul Refree war über weite Strecken sehr repetitiv. So entstand aus der Dynamik bald wieder der Eindruck des Dahinplätscherns.

Stick in the Wheel

Stick in the Wheel hatten einen schweren Stand in der Arena des Amphitheaters von Arles. Gefühlte 98% des Publikums war hier um im zweiten Teil des Abends Seu Jorge zu erleben. Die Tanzbeine wurden schon mal freigeschlenkert, man verkürzte sich die Zeit mit einem kurzen Tänzchen zur Musik von Jorge aus dem Handy. Das Video landete auch gleich auf TikTok.

Doch die Punk Folker aus London waren sich dieser Erwartungshaltung des Publikums bewusst, wollten aber nicht Rattenfänger spielen und blieben sich treu: 3-Minuten Songs, selten länger. Die Gitarre von Ian Carter ist ausgestattet mit einem Köcher voller Riffs, oft knochentrocken gespielt; die Drummerin Emma Holbrook setzt ihre Schläge manchmal wie eine zweite Stimme, und Nicola Kearey verpackt ihre politischen und gesellschaftskritischen Texte in alte Folk-Melodien, verfällt zuweilen in Sprechgesang, oder, vor allem in den Balladen, vernebelt die Melodien etwas mittels Effekten aus dem Rechner.

Das Publikum liess die Band jedoch nicht vollständig unbeachtet, doch sie musste um die Aufmerksamkeit des Publikums kämpfen. Nur ganz wenige kannten die Londoner wohl vor diesem Auftritt, und es war das erste Konzert der Band überhaupt in Frankreich. Der Applaus war herzlich, zu Beginn jeweils kurz, doch er wuchs mit der Zeit, wurde intensiver.

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Seu Jorge am Festival Les Suds a Arles 2025

Seu Jorge

Dann der Auftritt jenes Mannes, auf den nicht nur die gesamte anwesende brasilianische Diaspora gewartet hatte: Seu Jorge. Mit einem 10köpfigen Orchester im Rücken – alleine vier in der Rhythmus-Sektion – zeigte er auch gleich, wo die Reise lang gehen würde: Samba-Pop und Carioca mit Hang zum Dancefloor. Schon beim ersten Songs ging die Party los.

Erstaunlich, denn der Mann hat zehn Jahre lang nicht’s Neues mehr veröffentlicht, abgesehen von einem akustischen Duett-Werk mit seinem Kollegen Rogê. Auch vorher waren seine Produktionen eher Soundtrack zur Grillparty (Musicas para Churrasco) Dann, aus heiterem Himmel, im Frühjahr ein Album mit neuen Songs: «Baile à la Baiana». Und, vor rund einem Monat noch nachgeschoben, Songs aus den Anfängen seiner Karriere mit Fariofa Carioca in neuen Mixes. Das lässt den Schluss aufkommen: der Mann will sich doch noch nicht zu Ruhe setzen.

Seu Jorge am Festival Les Suds à Arles 2025

Das machte er dem tanzfreudigen Publikum in Arles auch gleich klar. Er legte einen geschickten Slalom durch sein Lebensweg, verband alte und (noch) unbekannte Songs geschickt. Man konnte heraushören, dass Jorge auf bekannte, handwerkliche Strickmuster setzt, auch weil die wirken, und er sie bestens beherrscht. Selbst eine akustische Trio-Session fügte er ein. Seine Musiker trugen ihn auf Händen. Disco-Grooves versanken weder in Süsse noch Patina noch Plastik.

Seine Fans im Publikum machten jede Wendung mit, sangen mit – je älter der Song umso textsicher die Sängerinnen und Sänger im Amphitheater von Arles. Und so wie sie ihm Wort für Wort folgten schien er auch sie zu (er)hören. Gegen Ende des Konzertes sagte ein Mann hinter mir in der Menge: «Er kann nicht gehen, ohne «Burguesinha» gespielt zu haben!» Schon stimmte die Band auf der Bühne den Song an.

Begeistertes Publikum Les Suds a Arles 2025

Für die Fans hätte das Konzert endlos weiter gehen können. Aber Jorge zog seinen Konzertplan durch. Für ihn stand auf dem Plan: Keine Zugabe. Nach Burgueshina gab’s noch einen drauf: «Mas Que Nada», sowas wie die inoffizielle Hymne Brasiliens von Jorge Ben resp. Sergio Mendes, in einer High-Speed Variante, inkl. 2’500 Chorstimmen. Die ganze Truppe strahlte am Bühnenrand, Seu Jorge bedanke sich lange und herzlich beim Publikum, eine kleine Parade auf der Bühne, dann verschwanden Band und Meister. Das Publikum sang oder summte auch auf dem Heimweg glücklich lächelnd «Oariá raiô, Obá Obá Obá….»

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Die Übersicht über die Berichte vom Les Suds à Arles 2025

Montag 14. Juli : Mandy Lerouge, u.a.

Dienstag, 15. Juli: Seu Jorge, Stick in the Wheels u.a.

Mittwoch, 16. Juli: Dal:um, Piers Faccini & Ballaké Sissoko, Salif Keïta u.a.

Donnerstag 17. Juli: Yom, Birds on a Wire, Yerai Cortés u.a.

Freitag, 18. Juli: Quatuor Rokh, Nagash Ensemble of Armenia, Le Trio Joubran, u.a.

Samstag, 19. Juli: Sam Karpienia, Rebecca Roger Druz, Orchestre Tour Puissant Marcel Duchamp, De Kift

 

 

 

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