Thun, Festival Am Schluss

Logo des Festival "Am Schluss" ThunDie Cafe Bar Mokka, der kulturelle Nabel der Indie-Szene in Thun, spendiert sich und der Stadt jeweils Ende Juli eine Konzertreihe mit dem Titel «Am Schluss».

Die Konzerte von “Am Schluss” finden mitten in der Altstadt auf dem Mühleplatz statt, Eintritt gratis, Kollekte ist moralische Verpflichtung. Für Getränke ist gesorgt. Die brauchte es dieses Jahr besonders, denn Petrus meinte es durchwegs gut, und die abendlichen Temperaturen waren jeweils knapp unter 30 Grad… Sehr gute Betriebstemperatur für Reggae, Tuareg-Rock, Digital Voodoo aus Togo und andere Pop-, Jazz- und Rock-Formationen aus dem In- und Ausland.

Freitag 24.7.: Reggae Queens

Ein Abend mit Reggae segelte unter der Bezeichnung «Female Reggae Voices». Es ist ein Projekt von Samora, die mit ihren Kolleginnen aus Jamaica, Kanada und Deutschland sowohl im Studio zusammenarbeitet, als auch jetzt erstmalig zusammen unterwegs ist. Die vier Ladies stehen für vier Facetten von Reggae: Samora, aufgewachsen in der Karibik und heute wohnhaft in Bern, bringt eine rechte Portion Pop in ihre Songs. Ammoye aus Kanada liebäugelt mit Funk, Zoe Mazah aus Deutschland mit Soul, und Yeza aus Jamaika setzt auf Dub und Rhymes. Die Gastgeberin Samora führte auch als Moderatorin durch das Pop-Reggae-Programm, das für meinen Geschmack etwas gar viel «If I say … – you sing…»-Spiele beinhaltete.

Einige der gemeinsamen Studio-Arbeiten finden sich auf Samoras CD «Elevation Part1» (amazon.de).

Samstag 25.7.: Bombino

Bombino, der Rock-Gitarrist aus dem Niger, begann seinen Auftritt akustisch. Der Bassist schlug seine Kalebasse stetig, wie ein Metronom, der Schlagwerker lieferte auf der Djembe die Rhythmen. Nach vier Songs wechselte die Klangwelt. Jetzt ist Strom angesagt, und das ohne Zurückhaltung. Die Band ist ganz auf den Solisten eingestellt, die Songs nicht allzu komplex arrangiert: nach einem Durchlauf sind Strophen und Refrain-Verteilung klar.

Ein Arrangement-Trick wird sehr oft eingesetzt: die Tempoverschärfung. Der Song beginnt im letzten Refrain leicht zu beschleunigen, die Hooks des Gitarristen nehmen Geschwindigkeit auf. Das kann bis zu Verdoppelung des Anfangstempos gehen. Jetzt geht der Veitstanz los, wird visuell unterstützt von einem Tänzer auf der Bühne, welcher die Rolle des Schamanen übernimmt und Bewegung auf die Bühne bringt, denn Bass und Rhythmusgitarre sind so sehr mit ihren Saiten beschäftigt, dass sie sich kaum bewegen. Das Publikum mag diesen Powerrock aus der Sahara und tanzt gerne mit.

Das Konzert entsprach in seinem Akustik/Strom-Mix in etwa Bombinos letzter Produktion «Sahel».

Montag 27.7.: Nana Benz du Togo

Gut zu wissen: «Nana Benz» war in der Mitte des letzten Jh. die Bezeichnung für die Händlerinnen der motiv-reichen afrikanischen Tücher, die – Achtung: kolonialistisches Paradox! – aus Holland stammten. Das Geschäft war lukrativ und die Händlerinnen reisten gerne in Mercedes-Benz an die Märkte. Die drei Frauen auf der Bühne und ihre Begleiter an Schlagzeug und Röhrenbass verteilen heute keine Tücher sondern eine klare Botschaft: respektiert die Frauen, schaut zur Gemeinschaft und zur Natur. Sie nennen ihre Musik «Digital Voodoo». Voodoo ist hier mal nicht mystisch überladen, sondern meint Austausch, Kommunikation.

Es ist Trance Musik, angetrieben von stampfenden Rhythmen, einem komplexen Spiel auf dem Röhrenbass, einfachen Loops auf einer Orgel, Call-Response Gesängen und viel Energie. Erstaunlich: einige junge Frauen im Publikum kennen sogar die Texte, singen mit. Und als dann noch erzählt wurde, dass eine der Sängerinnen Geburtstag habe, kam der Happy Birthday Chor aus dem Publikum von Herzen.

Die Musik der Nana Benz du Togo ist auf bandcamp zu finden.

(P.S. einen genaueren Blick auf den Röhrenbass gibt’s aus einem Konzertbericht zu den Nana Benz aus dem Jahr 2023 aus Arles.)

Dienstag 28.7.: Kefaya und Elaha Soroor

Keine alltägliche Klanghochzeit sind die Lieder der afghanischen Sängerin Elaha Soroor, verpackt in westliche Klänge des Studioprojekts Kefaya. Im Vergleich zu den vorangegangenen Konzerten hier in Thun ist der Auftritt von Kefaya und Elaha Soroor etwas verbaut, es gibt keinen lockeren Zugang. Kommt erschwerend dazu, dass die beiden Produktionen, welche diese Band im Repertoire hat, klanglich sehr unterschiedlich sind.

Die erste Scheibe heisst «Songs of our Mothers», verweist deutlich auf die Heimat von Elaha, Afghanistan, und ist die Adaption von Melodien eines Folk-Liederbuchs. Die zweite Produktion, gerade mal drei Wochen alt, klingt mehr nach dem heutigen Wohnsitz der Band: London, Großstadt, nervös. Auch ist sie eine viel direktere Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation des afghanischen Volks. Der Klang ist politisch, militant, setzt oft Spoken Word Kaskaden anstelle von Melodien. Der Gesamtklang ist spröde, trocken. «Artrock meets Punk meets Message» könnte der Untertitel dieses Auftritts lauten.

Kefaya und ihre Produktionen mit Elaha Soroor sind auf bandcamp zu finden.

 

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